[REVIEW] Don DeLillo - Cosmopolis

Montag, 10. Januar 2011

Nennenswertes zuerst:
Erscheinungsjahr: 2003 (2010)
Verlag: Süddeutsche Zeitung Bibliothek
Preis: 8,90 €
Seiten: 188
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New York an einem Tag im April 2000. Eric Packer, erfolgreicher Vermögensverwalter, fährt in seiner Limousine quer durch Manhattan, um sich bei seinem Lieblingsfriseur die Haare schneiden zu lassen. Weltweit wackeln die Börsenkurse und als Eric viele Stunden und etliche riskante Termingeschäfte später endlich seinen Haarschnitt bekommt, droht auch sein Leben aus den Fugen zu geraten.

Eric Packer ist 28 Jahre alt, ein absolutes Finanzgenie, sportbesessen - und er ist skrupellos, geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, hat so manche Affäre und erkennt seine Frau, die er erst vor ein paar Tagen geheiratet hat, erst auf den dritten Blick wieder. Außerdem nimmt er seine Sonnenbrille so gut wie nie ab - tatsächlich stellt seine Frau erst Tage nach der Hochzeit fest, dass seine Augen blau sind - und will an einem ganz gewöhnlichen New Yorker Aprilmorgen im Jahr 2000 einen neuen Haarschnitt.

Während der auf diese Entscheidung folgenden 24 Stunden taucht der Leser ein in die Welt von Packer. Denn auf seinem Weg zu dem Friseur seiner Kindheit kommt ihm so einiges in die Quere. Zum einen die Gedenkzeremonie für einen erst kürzlich verstorbenen Rapper, zum anderen der Besuch des Präsidenten, der zufällig in der Stadt ist und natürlich auch die Ausschreitungen einiger Globalisierungsgegner, die mitten in Manhatten die großen Werbetafeln an den Hochhäusern demolieren und Eric durch puren Zufall gar nicht bemerken.

Und natürlich wäre da auch noch der ein oder andere geplante Zwischenstopp. Ob nun ein  tête-à-tête mit seiner Kunstkuratorin, die vom Alter her auch Erics Mutter sein könnte, einem fragwürdigen Schäferstündchen mit seinem neuen Bodyguard und einer Elektroschockpistole oder die eiskalte Erschießung seines ersten Sicherheitsmannes aufgrund eines falschen Blickes - alles ist vorhanden in Don DeLillos Cosmopolis.

Des weiteren spekuliert Eric während seiner Fahrt durch Manhatten mit dem Yen, wobei er letzten Endes nicht nur seine eigenen Milliarden, sondern auch die Millionen seiner Frau verliert. Er hält in seiner Limousine Meetings mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ab und schreckt dabei auch nicht davor zurück, sich während eben dieser Meetings einmal ganz genau von seinem Arzt untersuchen zu lassen.

Da von vornherein feststeht, dass Eric Packer diesen Tag nicht überleben wird - schließlich ist die Geschichte außer aus seiner, auch noch aus Sicht seines Mörders (übrigens ein ehemaliger Angestellter Packers) verfasst -, macht das diese rasante, wie auch vollkommen skrupellose Geschichte nur umso reizvoller. Man verflucht Eric und lächelt doch, als er nur kurz vor seinem Tod beschließt, mit seiner Frau ganz von vorne anzufangen - ganz von vorne anzufangen, da er ja alles Geld verloren hat.

Da man Eric Packers Mörder eigentlich ganz gut verstehen kann, Eric selbst jedoch so außergewöhnlich wie kaltschnäuzig ist, fiebert man dem Ende des Buches mit ganz gemischten Gefühlen entgegen. Natürlich gönnt man Erics Mörder den Triumph, aber irgendwo ist da auch noch der Gedanke, an Erics Beschluss, sein Leben grundlegend zu ändern, der ihm irgendwie eine neue Chance einräumen will. Nun ja, wer weiß, ob er sie irgendwie doch bekommt...

Für mich, als absoluten Don DeLillo-Neuling war das eine Premiere der besonderen Art. Nicht nur, dass Eric Packer sich problemlos in die Liste der interessantesten Charaktere der Bücher, die ich bisher gelesen habe, einreihen kann. Nein, Cosmopolis ist überdies auch eine sarkastische Karikatur der Neuzeit, in der wir uns bisweilen sogar in einem Eric Packer wieder entdecken können. Daher schließe ich mit einem Zitat von eben genanntem und empfehle jedem, der Cosmopolis bisher noch nicht gelesen hat, es unbedingt zu lesen:
"Warum haben wir Flughafen? Warum heißen sie Flughafen?"


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